Mittwoch, 26. März 2008

Südafrika - Das Land der Gegensätze

Nachdem die Route gestern in Pretoria an vielen von hohen Schutzzäunen umgebenen Villen wohlhabender Stadtbewohner vorbei führte, hieß das Ziel heute Soweto, das Township vor Johannesburg mit rund zwei Millionen überwiegend schwarzen Bewohnern. Die Geschichte Sowetos begann 1904, als die Siedlung Klipspruit als erste einer Reihe von Siedlungen für farbige Goldminenarbeiter gebaut wurde. Die rassistische Regierung von Johannesburg gab dem Stadtteil 1963 die Bedeutung eines künstlich geschaffenen Wohnghettos außerhalb der von Weißen bewohnten Stadt und nannte ihn „South Western Townships“.

Die schmerzhafte Geschichte dieser Siedlung ist bis heute spürbar. Überall begegnen hier die Spuren der Apartheid, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe ausgrenzte und verurteilte. Begleitet von einer Führerin aus Soweto konnten wir sehr nah die durch den Mut vieler Menschen, die hier wohnen, Gott sei Dank überwundene Vergangenheit des Landes erfahren. Die Rundfahrt erlaubte Einblicke in ärmlichste Verhältnisse, in denen die Bewohner zum Teil noch heute in Wellblechhütten wohnen, eröffnete aber auch die Perspektive auf all das, was inzwischen errungen wurde. Die Arbeitslosenquote in Soweto liegt noch bei rund 40 Prozent. Der Staat erbaute kleine Häuser, in denen die Hilfsbedürftigen mietfrei leben können und heute auch Strom und Wasser haben.

Zu den besonderen Eindrücken des Tages gehört die offene Freundlichkeit, mit der die Bewohner uns als Zaungästen ihres Lebens begegneten und winkend willkommen hießen, mit einem Stolz und einer Lebensfreude, die inmitten dieser Umstände berührt und begeistert. Einen ersten Halt machten wir bei der Kirche Regina Mundi, dem größten katholischen Gotteshaus in Soweto. Im Widerstand gegen die Apartheid wurde die Kirche zum Zentrum. Erbaut für 2000 Gottesdienstbesucher war sie bei politischen Veranstaltungen Mittelpunkt für bis zu 6000 Menschen. Wie sehr ihr Leben dabei bedroht war, zeigen die Einschusslöcher an der Decke. Die Polizei beschoss die Kirche während einer Versammlung. Das Altartuch bedeckt eine abgebrochene Kante. Ein Polizist schlug den Stein mit einem Gewehrkolben ab. Vor diesem Altar sangen die Domspatzen heute. Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller sprach mit uns hier ein Gebet für den Frieden.

In Soweto lebten auch die beiden Männer, die Südafrika den Frieden brachten. Wir besuchten die Straße, in der als einziger der Welt zwei Friedensnobelpreisträger wohnten: Erzbischof Desmond Tutu und Nelson Mandela, der nach 27 Jahren Haft 1994 bei den ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt wurde. Sein Haus, in dem er 1962 festgenommen worden war und in das er nach der Entlassung aus dem Gefängnis zunächst wieder zurückkehrte, war ein weiterer Haltepunkt für uns. Das kleine Haus ist heute Museum.

Eine Straße weiter erinnert das eindrücklichste Denkmal Sowetos an den Kampf um Freiheit. 1976 erschütterten Schüler- und Studentenproteste Soweto. Sie wandten sich gegen eine Anordnung der Regierung, in den höheren Schulklassen nur mehr in Afrikaans, der Sprache der Herrschenden, zu unterrichten und nicht mehr in Englisch. Es war der Anlass für die Jugend, gegen die jahrlange Unterdrückung aufzustehen. Durch die Kugeln der Polizei starb hier Hector Peterson. Das Foto des getöteten Jungen auf den Armen seines Freundes, verzweifelt begleitet von seiner Schwester, ging in den Medien um die Welt, richtete die Aufmerksamkeit des Auslands auf Südafrika und die blutige Niederschlagung des Aufstands. Es war aber auch der Beginn auf dem Weg zur Abschaffung der Apartheid. In aufrüttelnden Zeugnissen konnten wir diesen Weg der Menschen in Soweto im Hector Peterson Memorial ein wenig nachvollziehen. Die museale Gedenkstätte wurde 1992 eingerichtet. Großformatige Bilder des Aufstandes, Aussagen der Beteiligten, Transparente: Die authentischen Exponate nahmen uns mit hinein in die Zeit der Unterdrückung und die wütende Entschlossenheit, der Verachtung zu entkommen, die es zum Verbrechen machte, als Schwarzer geboren zu sein. Still standen wir vor einer Fernsehaufzeichnung der Tagesschau, in der im Deutschen Fernsehen damals sachlich von den Unruhen in Soweto berichtet wurde. Der Blick aus dem Museum geht entlang der Straße, auf der die Schüler für ihre Würde marschierten und beschossen wurden, direkt zu der Wegecke, an der Hector Peterson gestorben ist.

Inmitten der Siedlung von Soweto durften wir auch zum Mittagessen Gäste sein. Am Nachmittag ging es zurück nach Johannesburg. In der St. Vincent School for the Deaf hieß uns Schwester Claudette Bogner willkommen. Die 63-jährige Missionsdominikanerin stammt aus Hainsbach/Haindling. Beim Gespräch erzählte sie uns, dass sie im Krankenhaus der Mallersdorfer Schwestern geboren ist. Im Alter von 20 Jahren ist sie nach Südafrika gegangen. Nach ihrer Ausbildung als Lehrerin hieß es für sie: „In der Gehörlosenschule in Johannesburg brauchen wir jemanden.“ Das war der Satz, der ihr weiteres Leben lenkte. Sie unterrichtet Mathematik und technisches Zeichnen. Seit zehn Jahren leitet sie die Behindertenschule, in der nach der Abschaffung der Apartheid 240 überwiegend schwarze Kinder aus meist armen Familien gefördert werden. Gemeinsam mit fünf weiteren Schwestern und vielen Laien arbeitet sie mit Kindern ab drei Jahren und Jugendlichen, die sie auf ihren Weg ins Leben vorbereitet. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst in der Kapelle der Schule erzählte Schwester Claudette von ihrem Alltag und den vielen Herausforderungen. Die Domspatzen dankten den Schwestern mit einem musikalischen Gruß aus der Heimat. Als das Volkslied „Kommt ein Vogel geflogen“ mit dem Text ausklang „...ich kann dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss“, kam von den Schwestern ganz spontan: „Und hier bleiben will!“ Für Schwester Claudette ist klar: „Ich mag Südafrika sehr gern, trotz der vielen politischen Unruhen, die wir mitgemacht haben. Ich würde es schwer finden, wenn ich wieder nach Deutschland zurück müsste. Hier ist meine Heimat!“ Ein bisschen Heimweh gestand sie dann aber doch ein, als sie den Domspatzen zuhörte. „Ich habe ja auch viel Besuch gehabt von meiner Familie in all den Jahren, die ich hier bin. Das ist schon immer schwierig.“ Mit einem leichten englischen Akzent unterstrich sie dann aber wieder entschlossen, dass sie hier in Südafrika wirklich daheim ist. Sie genoss umso mehr den überraschenden Besuch aus dem Bistum. „Ich freue mich sehr, dass ich nicht vergessen bin!“

Wir waren alle sehr beeindruckt von dem Wirken der Schwestern. Bischof Gerhard Ludwig drückte die Achtung vor „allem, was hier geleistet und getan wird“ so aus: „Auch was nicht so beachtet wird in der Öffentlichkeit, ist doch bemerkenswert in den Augen Gottes. Hier kommt es auf das Engagement der Ordensschwestern und vieler Laien an. Es ist wichtig, dass wir im Auge behalten, was im Verborgenen an Gutem getan wird. Es ist wichtig, dass man den Menschen, die hilfsbedürftig sind, das Bewusstsein gibt, dass sie gebraucht werden, dass ihr Leben eine Würde hat, die nicht davon abhängt, ob sie ihnen von anderen Menschen zugesprochen oder abgesprochen wird.“ Er dankte den Schwestern dafür, dass sie dies fern von der Heimat jeden Tag aufs Neue leisten, mit CD-Aufnahmen der Domspatzen, die sie an den Besuch des Chores in Johannesburg erinnern werden.

Kommentare:

BvB hat gesagt…

Auch wir hatten heute ein schönes Erlebnis - wir haben um 19.00 Uhr im Bay.Fernsehen eine sehr schöne Sendung gesehen. "Kathedralen der Donau - Mit den Regensburger Domspatzen stromabwärts". Das musste ich jetzt unbedingt loswerden, dass wir auch zuhause was erleben ;-)))
Weiterhin viel Spass und weiterhin viele Berichte für uns.
Herzliche Grüße (besonders an Jochen) Fam. Anders.
P.S. Die Deutschen haben gegen die Schweiz mit 4:0 gewonnen.

Familie Franzen hat gesagt…

Liebe Reiseleiter,

es ist schön immer wieder von Euch zu hören und so ein wenig an der Reise teilzunehmen. Auch macht es Spaß, nach David auf den Fotos zu suchen, um dann zu sehen, dass es ihm und Euch allen gut geht. Wir sind schon gespannt auf weitere Berichte.
Viele Grüße an alle,
Familie Franzen

Claudia Artmann hat gesagt…

Liebe Südafrika-Reisende,
es ist schön euere Erlebnisse mitverfolgen zu können (das beruhigt auch ein bischen).
Viele Grüße aus dem verregneten
Regensburg.
Claudia Artmann

Anonym hat gesagt…

Wir warten jeden Tag gespannt auf euren Bericht und beneiden euch um die vielen tollen Eindrücke die Ihr bekommt und natürlich auch um das super schöne Wetter bei euch!
Viel Spaß und viele Grüße von Fam. Weinzierl vor allem an Seppl!

Anonym hat gesagt…

Liebe Domspatzen,

viele Grüße von den Wenzls, besonders an Korbinian. Es freut uns, dass wir immer so gut und aktuell informiert werden. Jeden Tag sind wir auf neue Berichte gespannt. Ein großes Lob an die Berichterstatter.
Weiterhin viele interessante und beeindruckende Erlebnisse.
Der Film "Kathedralen an der Donau" gestern abend war echt Spitze.;-D
Fam. Wenzl